Beiträge mit Tag ‘Amselm Wagner’

Durch die Formate. Wie die Gegenwartskunst in den Medien erscheint.

Symposium zur aktuellen Kunstkritik im MUMOK, Wien vom 23. – 24. November 2007

Wenn Selbstkritik eine Vorbedingung für offene und kritische Reflexion zur eigenen Position bedeutet, so schien diese für das vom MUMOK veranstaltete Symposium zur Kunstkritik „Durch die Formate“ mit den einführenden Worten Maribel Königers, gemeinsam mit Tom Holert Organisatorin der Veranstaltung, zu gelten. In Ihrer Funktion als Direktorin der AICA Sektion Österreich, der Internationalen Vereinigung der KunstkritikerInnen, scheute sie sich nicht auch ihre eigene Organisation der Kritik zu unterziehen. So warf sie u.a. die Frage auf, ob freie und hauptberufliche Kunstkritik ein Phänomen der Jugend sei. Die Mehrheit der Mitglieder der AICA über 35, hätte sich jedenfalls den Verlockungen gesicherter Arbeitsverhältnisse ergeben und übten ihre Tätigkeit als freie KunstkritikerInnen wenn, dann nebenberuflich aus. Der in der Eingangsbemerkung mitschwingende ökonomische Aspekt zielte direkt auf die im Einladungstext noch nicht explizit gemachte, im Unterton aber deutlich wahrnehmbare „Krise“ der Kunstkritik, die von Podium und Publikum bereitwillig aufgenommen wurde. Paradoxerweise ist der „Verfall“ der Kunstkritik, so Tom Holert, also in der beginnenden kritischen Infragestellung der eigenen Disziplin, gleichzusetzen mit ihrer Etablierung. Sehr bald wurden die innerhalb des Programms formulierten Themenschwerpukte zur Gewichtung und Ausrichtung der Berichterstattung über Kunst zugunsten neuer, vielleicht drängenderer Fragen aufgegeben.

Die „Krise“ der Kunstkritik kann zum einen prekäre Arbeitsituationen vor allem für junge KunstkritikerInnen bedeuten. Zum anderen kann es den mit Institutionalisierung verbundene Verdacht auf Einflussnahmen und Abhängigkeiten der Kunstkritik beschreiben, wie es Barbara Paul in ihrem Entwurf über „(un-)mögliche Perspektiven in der Rede über Kunst“ beschreibt. Jedoch, auch wenn die greifbarsten Symptome ökonomischer oder politischer Natur zu sein scheinen, galt die Auseinandersetzung der Redner vor allem inhaltlicher, diskursiver und/oder disziplinärer Neupositionierung. Je diffuser das Erscheinen einer Krise der Kunstkritik hier ist, um so mehr erfordert es seine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Auch lässt sich angesichts des Drängens von Mega-Ausstellungen, Markt, Messen etc. der ökonomische und politische Aspekt nicht vom Inhaltlichen trennen – ließ sich nie trennen, wie Ruth Sonderegger in ihrem Vortrag betont, wenn sie auf die enge Verquickung der Entstehung des aufklärerischen Bürgertums mit der Kunstkritik des 18. Jahrhunderts verweist. Geänderte ökonomische Bedingungen bedeuten hier geänderte Vorzeichen für Kunstkritik. Der „Hybrid“ Kunstkritik bediene sich „undisziplinärer“ Vorgehensweisen, so Sonderegger, positioniere sich zwischen den Disziplinen, bediene sich am Instrumentarium der Kunstgeschichte, philosophischer Ästhetik usw., vermittelnd stelle er Beziehungen her, ohne die Positionen der Anderen je ganz einzunehmen. Diese „undisziplinäre“ Kunstkritik resultiere nach Marion von Osten auch aus der „undisziplinären“ Kunst selbst. Anhand der Kritik in der Kunst stellt Christian Höller die Frage ob Kunstkritik auf dieser Metaebene überhaupt noch notwendig sei, denn Kritik sei immer mehr in der Kunst selbst eingeschrieben. Notwendiger wäre ein Reflektieren des Kontextes in dem das Kunstwerk anzutreffen ist.

Martin Seel hingegen plädiert für den „opportunistischen“ Kritiker, den er positiv besetzt im Sinne der „Opportunitas“, der Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Hier wird das Beziehungspaar Kunst/Kritik als im Widerspiel gegenseitiger Bedingung gesehen. Die Kunst die verlangt nach medialer Repräsentation, ohne die sie nicht sein kann. Der Opportunist ist hier derjenige der abseits fester Regelwerke und Strömungen seinem eigenen Körper als Membran vertraut um das Neue des Kunstwerkes zu deuten. Der/Die von ihm entworfene opportunistische Kunstkritiker/in hat keinen „gesicherten Stand“, das Einbeziehen der Kontexte des Kunstwerkes macht das Urteil des Kritikers nicht überflüssig.

Als eine Grundvoraussetzung der Kunstkritik beschrieb Barbara Paul die Abkehr vom universellen Anspruch hin zur Positionierung der AutorIn. Embodiment kann nach Helmut Draxler grundsätzlich als Gewinn gesehen werden, doch ist es wichtig sich seiner Voreingenommenheit bewusst zu werden. Kunstkritik müsse, so Dorothee Frank, der Komplexität des Themas gerecht werden. Nach Marion von Osten ist schon der soziale Raum der Kunst ein Format der Kunstkritik für sich. Wertung und Subjektivität sind jedoch nicht nur der Kunstkritik vorbehalten. Kein Wandtext, Audioguide oder Pressetext kann sich der Wirkung persönlichen Einflusses des Autors entziehen, so Luisa Ziaja. Der große Bereich Ausstellungspublikationen wurde auch von Christian Höller aufgegriffen. Da diese kritischer und auch von freien Autoren verfasst würden, übernähmen sie zunehmend Aufgaben der Kunstkritik.

Kunstkritik als Thema war schon mehrfach Fokus vergangener Veranstaltungen. Die vom Depot am 28. März 2006 organisierten Symposium „Die Rolle der Kunstkritik: Wer macht die Kunst?“ ging der Frage nach den Möglichkeiten der Kunstkritik nach, während ein Jahr zuvor am Symposium „Ist die Kunstkritik am Ende?“an der Donau-Universität-Krems (29.10.2005) vor allem auf die Veränderungen der Publizität über Internet eingegangen wurde.

Das Symposium „Durch die Formate“ widmete sich nun verstärkt den Bedingungen der Kunstkritik, deren formulierte „Krise“ nicht anhand ihres Wirkungsgrades und ihrer Definitionsmacht in der Kunst wahrnehmbar scheint. Doch gründet ihr Verlangen nach Neupositionierung in Ihrem von Anfang an selbstreflexiven und selbstkritischen Anspruch. Doch genau diese Unsicherheit ist perpetuierender Antrieb der Kunstkritik.

Die „Krise der Kunstkritik“ blieb unter den Teilnehmern des Symposiums präsent, auch wenn ihre genaue Bestimmung im breiten Spektrum inhaltlicher, ökonomischer und politischer Perspektiven sich als schwierig erweist. In Anlehnung an Martin Kippenberger („Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984“) bringt es Markus Müller treffend auf den Punkt – er könne beim besten Willen keine Krise erkennen, und spielt darauf an, dass die Krise nicht zuletzt mit ihrer Leugnung manifest wird.

Elisa Garzón
Martin Nimmervoll
Sylvia Winkelmayer
für das basis wien Archiv

Zur Veranstaltung:

Durch die Formate
Wie die Gegenwartskunst in den Medien erscheint
23.–24.11.2007, MUMOK

Moderation:
Tom Holert (Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler, Publizist)
Maribel Königer (Präsidentin AICA)
Rainer Metzger ( Kunsthistoriker, Autor)
Amselm Wagner (Kunsthistoriker, Autor)

Symposiums-TeilnehmerInnen:
Christa Benzer (freie Journalistin, der Standard, Springerin)
Helmut Draxler (Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Kurator, Berlin)
Dorothee Frank (Ö1 Kultur)
Jörg Heiser (Chefredakteur frieze, London)
Christian Höller (Redakteur und Mitherausgeber Springerin)
Sebastian Lütgert (Rolux, Pirate Cinema, Berlin)
Markus Müller (Kunst-Werke, Berlin)
Marion von Osten (Künstlerin, Kuratorin, Autorin, Berlin und Zürich)
Barbara Paul (Kunstuniversität Linz)
André Rottmann (Texte zur Kunst, Berlin)
Martin Seel (Philosoph, Frankfurt)
Ruth Sonderegger (Freie Universität Berlin)
Luisa Ziaja (Freie Kuratorin, Kritikerin)