Beiträge mit Tag ‘EAN’

Rückblick: EAN-Meeting in Wien

Am 7. März gab es im basis-Quartier in der Wiener Fünfhausgasse 5 reichlich Kaffee und Kuchen – das kommt immer wieder einmal vor, an diesem Tag aber war die Jause begleitet von einem bunten Klangteppich aus englisch geführten Gesprächen mit unterschiedlichen europäischen Akzenten: Anlass war das alljährlich stattfindende Mitgliedertreffen des EAN mit Gästen aus Polen und Rumänien.

Wofür steht das Akronym EAN? Bezeichnet wird damit kurz das european-art.net – eine offene Vereinigung verschiedener Archive zeitgenössischer Kunst, deren Datenbanken im Netz über eine Meta-Datenbank mit gemeinsamer Suchmaske gleichzeitig abgefragt werden können – und auf diese Weise eine große Bandbreite an Informationen bereitstellen. Sechs Institutionen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Materialien zur zeitgenössischen Kunst zu sammeln, zu bewahren und gemäß wissenschaftlichen Standards der Archivierung zu erfassen und zu erschließen, sind derzeit in diesem Portal vernetzt. Die „United List of Artist Names“ (ULAN) des amerikanischen Getty Institute stand ursprünglich Pate für dieses Retrieval System, das in seiner Suche noch ausgebaut wurde und derzeit 190.636 Datensätze zu Personen, KünstlerInnengruppen und Institutionen zur Verfügung stellt.

EAN ist ein Folgeprojekt des EU-Projektes vektor (2000-2003), das sich wissenschaftlichen Methoden der Erfassung und Erschließung von Materialien zur zeitgenössischen Kunst widmete; ein weiteres Resultat dieser Arbeit ist das Handbuch „Archiving the Present – Gegenwart dokumentieren“, das von der basis wien herausgegeben wurde.

Gemeinsam mit dem schweizerischen Magazin Kunst-Bulletin in Zürich nimmt die basis wien die Aufgabe als managing director wahr; prominente Partnerinstitutionen sind das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft SIKart in Zürich, das documenta-Archiv in Kassel und die Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden – SLUB – mit der Virtuellen Fachbibliothek Gegenwartskunst.

Nachdem 2005 die Datenbank des AVU Research Centre der Academy of Fine Arts in Prag, i-datum.cz, in das online-Portal von EAN integriert werden konnte, wurde in den letzten Jahren zu weiteren Dokumentationszentren in Zentral- und Osteuropa geforscht und man trat mit sehr unterschiedlichen, interessanten Archiven in Kontakt. So auch mit dem Documentary Archive and Digital Memory Department des MNAC – National Museum for Contemporary Art in Bukarest. Dank der hilfreichen Unterstützung durch Kulturkontakt Austria war es uns dieses Jahr möglich, die Leiterin des Bukarester Dokumentationszentrums, Mihaela Ionescu, gemeinsam mit ihrer IT-Expertin Daniela Daneliuc, nach Wien einzuladen. Deren „CALL FOR DOSSIER project“ überzeugte alle TeilnehmerInnen und so ist nun auch diese Datenbank, die junge, rumänische KünstlerInnen präsentiert, für eine Implementierung in das european-art.net vorgesehen.

Wie immer war das Jahrestreffen für alle TeilnehmerInnen sehr informativ und produktiv – eine willkommene Gelegenheit, sich in entspannter Atmosphäre über vergangene und laufende Projekte auszutauschen und mit frischer Motivation die neuen Vorhaben anzugehen.

Die documenta ist vorbei. Ist sie?

Nun – es gab und gibt noch einigen Nachhall. Die documenta 12 ist mit Sicherheit jene Großveranstaltung dieses Kunstsommers, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat – sowohl medial als auch an den Besucherzahlen ablesbar.
Kalt gelassen hat sie wohl niemanden, weder jene, die die Ausstellung vor Ort besucht haben und für gut oder schlecht befunden haben, noch jene, die gar keine Gelegenheit hatten, nach Kassel zu fahren… Denn: entziehen konnte sich der meistbesprochenen Ausstellung keine/r – so laut war das mediale Echo, so gegensätzlich waren die Berichte von BesucherInnen und ebenso umstritten wie beworben waren das Konzept und die Ausführungen des künstlerischen Leiters Roger M. Buergel und der Kuratorin Ruth Noack. Von unkonventionell, elegant bis grandios, von naiv, ja schrullig bis dreist ist da die Rede. Die zahlreichen Diskussionen kreisten um Vorwürfe wie Anmaßung, Ignoranz und Arroganz, sprachen aber auch vom Mut zum Experiment, von Innovation, von der Hinwendung zum Publikum, von der Notwendigkeit der unmittelbaren Anschauung und sinnlichen Erfahrung sowie von einer provokativen Abrede an die Steuerungsmechanismen des Kunstmarktes. Vieles ist passiert, vieles in Bewegung.

# Überraschung, Skandal und Kalkül: mehr oder weniger kalkulierte Skandale gehören zu derartigen Großveranstaltungen – was waren die Besonderheiten der diesjährigen Ausgabe? Und: hatten alle documenta-Ausstellungen dieses Echo?
Stellten sich einige in der internationalen Szene anfangs noch erstaunt die Frage „wer ist Rodscher Buergel?“, so war langsam klar, dass hier nichts weniger als ein (nochmaliger) Paradigmenwechsel stattfinden würde… Bereits mit der Ankündigung, ein Koch aus Spanien sei beteiligt – nein, nicht als Kantinenchef, sondern als Künstler – ging ein Raunen durch die Menge. Das von Ferran Adrià seit 1987 in Spanien geführte Restaurant elBulli – dessen Website übrigens eine sehr schön aufbereitete Archivseite zur Geschichte des Lokals aufweist – wurde schlussendlich ganz einfach und zum Ärger Vieler zum mediterranen documenta-Standort erkoren.

# Stichwort „Partizipation“: das Konzept einer „globalen Redaktion“ – der d12-magazines – unter der Leitung von Georg Schöllhammer (springerin) beruht auf der Vernetzung von rund 90 internationalen Kunstmagazinen, die es sich zur Aufgabe machten, eine dreibändige Kompilation zu den drei Leitfragen zusammenzustellen. Die Vorfreude auf entsprechende Resultate war auch in den heimischen Redaktionen spürbar: Der Ursprung war ganz anders.

# Stichwort „Rahmenprogramm“: das Format der Lunch Lectures, eine Veranstaltungsreihe, die vom neu gegründeten documenta-Beirat in Kooperation mit der documenta 12 und dem d12-Vermittlungsteam organisiert wurde, brachte einige interessante und spannend verlaufende Diskussionen mit sich. Als ein weiteres wichtiges Element erwies sich das d12-Filmprogramm, das von Alexander Horwath, dem Direktor des Österreichischen Filmmuseums, kuratiert wurde.

# Stichwort „Medienbeobachtung“: ein zusätzliches Highlight brachte der documenta 12-blog (konzipiert und betreut von Rolf Lobeck und Lars Roth), der neben der strukturierten Sammlung von Bild- und Audiomatieral gewissenhaft alle Bewegungen im documenta-(Um)Feld aufzeichnete und auf diese Weise einen beachtlichen Presse- und Medienspiegel zusammenstellte. Mit einem etwas „schrägeren“ Blick auf Konzepterklärungen und Vermittlungsansätze Roger Buergels, die wohl das gesamte Spektrum an emotionellen und intellektuellen Reaktionen von ehrfürchtigem Erstaunen bis verdammenden Wutausbrüchen auslösten, ging „EXOT – Zeitschrift für komische Literatur“ in Form der so genannten Buergelmaschine an die Öffentlichkeit. Auf Wunsch spuckt sie wunderhübsche Wortkaskaden à la Buergel zum gewünschten Kunstwerk aus.

Die Bewegungen im Vorfeld der documenta 12 wiederum speisten den documenta-Eintrag in unserer basis wien-Datenbank, der kontinuierlich seit Bekanntgabe Anfang 2004 von Buergels Ernennung mit über 100 Presseclippings zum Thema verknüpft wurde und daher besonders eindrucksvoll zeigt, wie die documenta 12 speziell in den österreichischen Medien bereits seit 4 Jahren intensiv verhandelt und rezipiert wurde – waren die aus Deutschland stammenden ProtagonistInnen Buergel und Noack doch bereits während ihrer Studienzeit an der Akademie der bildenden Künste und der Universität Wien zu WahlwienerInnen geworden. Nach Kassel holten sie auch einige österreichische KünstlerInnen. Peter Friedl, Ines Doujak, Florian Pumhösl, Olga Neuwirth und Gerwald Rockenschaub stellten an verschiedenen Orten ihre Arbeiten aus.

documenta die; -; -ae ?; umgangssprachlich: “die documenten”
Die documenta ist heuer 52 Jahre alt geworden. Seit ihrer ersten Ausgabe 1955 hat sich einiges verändert, einzig die feste Dauer von 100 Tagen und – seit 1972 – die Periodisierung auf fünf Jahre sind geblieben. Immer wieder kamen neue Ausstellungsorte hinzu bzw. wurden „zweckfremde“ Räume adaptiert. Die anfängliche Beschränkung auf das Museum Fridericianum und die Orangerie wurde allmählich aufgehoben, es kamen wechselnde Orte hinzu, 1992 schließlich wurde das Viertel um Fridericianum und Auepark durch den Bau der documenta-Halle erweitert. Heuer kamen erstmals auch die Alte Galerie im Schloss Wilhelmshöhe, das Gloria-Kino und das Kulturzentrum Schlachthof dazu. Neu war auch der temporär errichtete Aue-Pavillon im Park.

Apropos temporär: Was wird in fünf Jahren sein, was bleibt von der documenta 12, welche Spuren hinterlässt sie? Und: was blieb von den anderen documenten? Auch im buchstäblichen Sinne des Wortes?
Dokumente werden in Archiven gesammelt, um Zeugnis abzulegen von dem, was war. Hinter dem Fridericianum, Standort der documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH, liegt das documenta-Archiv, das in mehreren Abteilungen (Bibliothek, Aktenarchiv, Medienarchiv) heterogene Materialien zu den verschiedenen documenten sammelt, sie erfasst, erschließt und für die Nachwelt konserviert. Das documenta-Archiv war von 2000-2003 Partnerin der basis wien im EU-Projekt vektor – einer Arbeitsgemeinschaft, der es um die Erarbeitung wissenschaftlicher Standards für die Dokumentation zeitgenössischer Kunst ging. Aus dieser Zusammenarbeit ist das vektor-Handbuch hervorgegangen, das mehrere Expertenaufsätze zum Thema versammelt. Zudem ist das documenta-Archiv gemeinsam mit der basis wien neben fünf weiteren Institutionen auch als Partner am Internetportal european-art.net beteiligt.