Die verlorene Identität. Junge Kunst in Mexiko
von Elisa Garzón Vecino
Will man die Kunstszene von Mexiko City kennenlernen, muss man durch die ganze Stadt laufen auf der Suche nach renomierten Galerien, jungen Räumen und vor allem Ateliers von KünstlerInnen: von Colonia Roma nach Condesa, weiter durch die Colonia S.Rafael in das historische Zentrum. Jeder Bezirk, jeder Stadtteil präsentiert unterschiedliche Aspekte von Kunst. Es besteht keinerlei Einheit zwischen den Institutionen und Plätzen. Die Trennung zwischen den einen und den anderen ist wie durch eine dicke Linie gekennzeichnet — man steht immer nur auf einer Seite.
Neben den klassischen Galerien finden wir junge Kunst in neuen Projekträumen. Jedoch sind die künstlerischen Ansätze nicht umso innovativer, je jünger sie sind. Die von ihnen verwendeten Techniken, insbesondere jene der Wandmalereien, entstammen häufig Ansätzen, die bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts von mexikanischen Künstlern wie Diego Rivera, David Alfaro Siqueiros oder José Clemente Orozco entwickelt wurden.
Heute experimentiert man mit Malerei, wie auch mit neuen Medien. Verwendet werden alle Arten von Oberflächen, bis hin zu den Wänden der Galerien: Aquarell, Malerei, Relief, Basrelief — die Wand an sich. Dies ist keine Besessenheit und auch kein Klischee, sondern eine Art, die Kunst ausgehend von einer Fläche zu vermitteln, einer Fläche, die vielleicht dauerhafter sein wird als die Kunst, die sie trägt. Die Derbheit der Wand versieht das Werk mit einer Permanenz und erzeugt so einen Kontrast zur Frische und Konzeptualität des Werkes an sich. Jimena Schlaeper z.B. arbeitet mit Pappe, die, geschnitten und mit Fäden bearbeitet, riesigen Rosenfenstern gleich, aus der Wand hervortritt. Jimena Padilla benutzt Mangas als Basis ihrer Zeichnungen und die in die Wand gescharrten Basreliefs.
Vielleicht gerade weil die Wand so präsent ist, erwächst die Architektur dieser Stadt aus einer Vielfalt von Stilen und einer solchen Heterogenität, die eine ungleiche und bezeichnende urbane Landschaft bildet. Besonders die Schemata der funktionalistischen Architektur werden in der zeitgenössischen bildenden Kunst Mexikos häufig übernommen: Marco Rountree nimmt in seinen aus Klebeband gestalteten Wandarbeiten die Linienführung der Gebäude auf und verwandelt sie in geometrische Tiere und Figuren. Emilio Said verarbeitet Blicke auf die Stadt aus einer Vogelperspektive, greift bestehende Strukturen und Muster auf und kreiert so seine abstrakten Bilder.
Im Gegensatz zu dem Betondschungel, als der sich Mexiko häufig präsentiert, beziehen sich die KünstlerInnen auch in ihren Arbeiten vielfach auf die Natur. Sie verarbeiten ihre Beziehung zur Natur, die sich in der Darstellung von Tieren als Verkörperung Ihrer selbst, von Gefühlen oder Phantasien manifestiert. Bären, Wölfe und Hirsche tauchen in den Zeichnungen, Videos und Objekten von Marcos Castro ebenso auf wie in den nur anscheinend naiven Zeichnungen von Mariana Magdaleno oder den Collagen von Liliana Ramales.
In Verbindung mit der Komplexität der Stadt spiegeln sich Themen wie Tod, Politik, Sex, oder Geschichte in den Werken wider. Die Identität spielt immer eine Rolle. Häufig werden die angesprochenen Themen überrepräsentiert und erscheinen in einer überzeichneten Intensität. Ohne Dramatik tritt die vergangene und auch gegenwärtige Geschichte als Kritik auf, etwa in den Bildern von Eugenia Martinez, die sich an Vorbildern aus der Zeit des “Vizekönigsreich Neuspanien” orientiert, oder den Werken von Demian Flores, der die “Heldenkinder” der
Geschichte in die Gegenwart verpflanzt. Aus der Verarbeitung der unmittelbaren Realität zeigt sich die Sorge der KünstlerInnen um die gegenwärtige politische und soziale Situation Mexikos. So etwa bei Héctor Zamora, der eine `Reise in die Bürokratie` antritt um eine Intervention im Museo de arte Carrillo Gil an der Avenida Republica zu realisieren.
Die Vielfalt an zeitgenössischer Kunst in Mexico ist überraschend. Heute vereinigt die Kunst alte Traditionen mit der Aktualität, weit von der Strömung des “Neomexicanismo” der 80er Jahre, und wird zu einer Plattform, wo die komplexe mexikanische Identität erforscht wird.
“Das Außergewöhnliche unserer Situation [der Mexikaner] besteht darin, dass wir nicht nur jedem Fremden, sondern auch uns selbst rätselhaft vorkommen”, so der weltberühmete Denker Octavio Paz in seinem 1950
erschienenden Essay Das Labyrinth der Einsamkeit.
Elisa Garzón Vecino lebt und arbeitet in Wien, hat Kunstgeschichte in Spanien und Österreich studiert, und ist seit 2006 Mitarbeiterin der basis wien. Sie schreibt als Korrespondentin für das spanische Kunstmagazin EXIT und gelegentlich auch für andere Kunstzeitschriften. Der Text ist nach einer Mexiko-Reise anlässlich der Organisation der Ausstellung “Una Excursión Mexicana” entstanden.